Biken verbindet

Biken verbindet

Biken verbindet

Wellnessurlaub, Büroarbeit, Partymarathon oder doch andere Sportarten?
Wenn in Mitteleuropa der erste kalte Wind die letzten goldenen Blätter von den Bäumen pustet, dann denken die Bike Profis langsam an ihren wohl verdienten Jahresurlaub. Oktober ist für Mountainbiker der Monat nach den Events und vor dem Training für die neue Saison. Die Pre-Off-Season quasi.
Aber was kann man tun, wenn das Hobby zum Beruf geworden ist?
 
Text: Steffi Marth
Fotos: Kike Abelleira

Eigentlich soll man im Urlaub doch eine Auszeit vom Berufsalltag genießen. Wo und wie findet für uns also diese Auszeit statt? Manchmal muss ich mir Sprüche wie „Die Profis brauchen doch keinen Urlaub vom Urlaub“ anhören. Gewiss schlauchen das monatelange Reisen, die körperlichen Anstrengungen und auch mentaler Druck mächtig aber ganz ehrlich: einen besseren Job als Profi Bikerin kann ich mir nicht vorstellen.

Für mich steht der Spätherbst-Plan fest und er heißt: Biken – na klar – aber eben anders. Ohne Zeitdruck, ohne Auftrag und ohne Social Media (okay… fast ohne) aber dafür mit meinen engsten Freunden. Eine meiner allerbesten Bikebuddies ist die Kanadierin Micayla Gatto und wie wir das Projekt Urlaub angegangen sind erfahrt ihr jetzt.

Bike-Auszeit in Portugal

Als Micayla mir ihre Flugdaten schickt bin ich eher geschockt als erfreut. Zwei Tage zuvor kicherten wir via Skype über all die Dinge, die wir in den letzten Monaten, tausende Kilometer voneinander entfernt, erlebte hatten. Wir haben denselben Job, ähnliche Interessen und Bekannte aber was uns vor allem eint ist derselbe Sinn für Humor.

In diesem Videotelefonat redeten wir auch über unseren nächsten gemeinsamen Trip nach Hawaii, der schon seit Monaten geplant wurde. Wir gingen alle Details durch und entschieden uns, dass Hawaii zu kompliziert und teuer wird und einigten uns darauf eine Bike Reise in Europa zu machen. Sie fragte mich wohin und ich ratterte kurz alle Länder durch in denen ich noch nicht war. Dann antwortete ich etwas fragend: Portugal?!… und wir legten auf.

Nun steht da schwarz auf weiß ihre Flugnummer und Ankunftszeit in Lissabon und ich habe absolute keine Ahnung von Portugal. Obwohl ich diese verrückte Nudel schon besser kenne, hätte ich nie gedacht, dass sie einfach so einen Flug bucht. Da wir auf meiner Seite des Erdballs sind muss ich die Reiseplanung machen. Das sind unsere Spielregeln. Ein paar Wochen später sitzen wir gemeinsam in unserer Streichholzschachtel von Mietauto und starten die Reise ins portugiesische Unbekannte.

Die ersten zwei Tage verbringen wir komplett bike-frei in einem Surfer-Städtchen namens Ericeira.  Ab jetzt gehen wir fast jeden morgen am Meer joggen und genießen den Status des „Nichtsmüssens“. Das halten wir genau so lange aus, bis wir Muskelkater vom lachen bekommen und es uns in den Pedallierbeinen und Bremsfingern juckt. Weiter geht es ins nah gelegene Sintra, wo schon eine Meute von aufgedrehten Biker Boys auf uns wartet. Wir, die Biker Frauen, sind in Urlaubsklamotte und haben unsere Arbeitsgeräte noch in Taschen verpackt. Innerhalb von fünf Minuten ist eine Bombe aus Fahrradteilen und Klamotten um unser Auto geplatzt. Unsere local Guides haben schon sämtliche GoPros und Handys gezückt und amüsieren sich prächtig über unser Chaos. In einer absoluten Rekordzeit stehen wir am ersten Trail und scharren sprichwörtlich mit den Hufen.

Heute werden wir zu vier verschiedenen Trails shuttlen. Bergauf geht es kaum sondern zumeist mal technisch, mal flowig bergab. Die Vegetation und der Trailcharakter sind bei fast jeder Abfahrt verschieden. Mal fühlt man sich wie im tiefsten Dschungel, dann fährt man durch einen großzügigen Laubwald, dann öffnet sich ein Blick in die weite Landschaft.

Im Sonnenuntergang pedalieren wir zu einer Festung hinauf, von der aus wir einen grandiosen Blick auf den offenen Atlantik erhaschen. Eine orange-rote weiche Stimmung legt sich auf die Küste nieder und wir spüren die positive Energie, die unser local Guide Joao und das Land schon jetzt auf uns ausübt.

Die folgende Abfahrt ist total surreal, weil sie von kahlen schwarzen Bäumen und Sträuchern gesäumt ist. Hier hat vor wenig Wochen ein großer Brand gewütet und fast Alles zerstört. Eine schreckliche Tragödie aber wenn sie ein Gutes hat, dann dass der Trail sich nun so episch und einzigartig in den Abendrot beleuchteten Berg legt. Gleichzeitig hypnotisiert und voller Adrenalin und Endorphinen beenden wir unseren ersten Bike Tag am Meer. Das Shuttle steht wenige Meter weiter bereit um uns zu einem traditionell portugiesischem Abendessen zu chauffieren. Micayla und ich sind im Portugal Fieber.

Nachdem wir unsere Mountainbikes noch einen zweiten ähnlich unvergesslichen Tag über Sintra´s beste Trails gejagt haben, setzt sich unser kleiner Roadtrip jetzt reichliche zwei Stunden gen Norden nach Lousã fort. Hier hat in diesem Jahr die europäische Downhill Meisterschaft statt gefunden und der Gewinner war kein geringerer als unser neuer Gastgeber: Francisco Pardal. „Fran“ hat uns eingeladen bei ihm zu wohnen und so werden wir herzlich von ihm und seiner kompletten Familie begrüßt.

Wenig später, zur portugiesischen Abendbrot Zeit gegen 21:30, sitzen wir zusammen mit den Eltern, Bruder, Schwägerin und Großeltern, am gedeckten Tisch. fühlen uns direkt als gleichwertiges Familienmitglied, denn die sind es gewöhnt internationale Bike Freunde zu empfangen. Zu essen gibt es einen lokalen Klassiker: Bacalhau (Kabeljau) mit ganz viel Gemüse und noch mehr Obst zum Nachtisch. Dazu trinken wir leckeren einheimischen Vinho Verde. die Kulinarik ist neben Wetter, Trails, Natur, Meer, Kultur, Land & Leute definitiv ein weiterer Grund Portugal zu lieben.

In den nächsten Tagen führt uns Francisco auf all seine Lieblingstrails. Wir lernen die gesamte Bergkette „Serra de Lousã“ kennen, die sich um den kleinen Ort schmiegt. Da wir schließlich mit dem Europameister im Downhill auf seinen Hometrails unterwegs sind, tragen wir sogar Vollhelme auf unseren Trailbikes. Ein Highlight ist sicher, als Fran uns im Wheelie bei 50km/h zu einer wunderschönen kleinen Siedlung mitten in den Bergen führt. Die niedlichen Häuser sind aus schieferplatten gebaut und passen so wunderbar in diese mystische Berglandschaft. Wie in einem Videospiel cruisen wir auf unseren Bikes durch die engen Gassen dieses Schieferdorfes namens „Talasnal“. Über ein paar enge vorblockte Spitzkehren werden wir gefühlt vom Wald verschlungen und in einer geheimnisvollen Talenge wieder ausgespuckt. Dort hängt eine überdimensionale Schaukel über dem Wasser, die uns förmlich einlädt darauf zu klettern ganz intensiv unsere Freundschaft und den Moment zu genießen. Den Schnappschuss machen wir diesmal in unseren Gedanken und lassen das Handy mal eingepackt.

Als wenn es so sein musste, haben wir uns also beide, tausende Kilometer von zu Hause entfernt, hier direkt in portugiesischer Familie aufgenommen wiedergefunden. Als wenn sich alle schon viele Jahre kennen. Francisco begleitet uns anschließend sogar für ein paar Tage zurück in den Süden, wo wir mit Fotograf Kike aus Galizien ein paar Aufnahmen machen. Kike ist übriges eine super Ergänzung in unserer neu gefundenen Reisegruppe und wir planen direkt eine weitere Reise zusammen für das nächste Jahr. Und was macht das Alles möglich? Es kann nur die bedingungslose Liebe zu Mountainbikes sein.

Fahrrädern habe ich in meinem Leben unglaublich viel zu verdanken. Neben Titeln, Medaillen und tollen Erinnerungen sind das vor allem ganz großartige Bekanntschaften und tiefe Freundschaften. Und genau die habe ich in meinem Bike Urlaub / Urlaub vom Biken so intensiv gespürt wie selten.

 

Thanks Bikes.

Bio Steffi:

Steffi Marth’s s Mission ist jede Sekunde im Leben voll auszunutzen. Die Profi Mountainbikerin aus der Nähe von Dresden liebt Herausforderungen aller Art, sei es Rennen fahren, neue Sportarten ausprobieren, verschiedene Fächer studieren oder abenteuerliche Reisen antreten. Ihre Karriere auf zwei Rädern begann als zwölfjährige auf dem BMX Rad und ging über MTB Fourcross langsam zu größeren Bergen und rasantem Downhill. Seit vielen Jahren gibt sie ihre Erfahrungen in diversen Fahrtechnik Kursen weiter und liebt es ihre Passion dabei mit anderen zu teilen. Neben ihrer Heimat in Ostdeutschland hat Steffi auch eine Base in München gefunden, von wo aus sie die meiste Zeit im Jahr die Trails in Deutschland, den Alpen und dem Rest der Welt unsicher macht.

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About the Author: Trek

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